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Das Absolute in der Geschichte auf historische Weise an einem einzelnen Punkt haben zu wollen ist ein Wahn, der nicht nur an seiner Undurchführbarkeit scheitert, sondern auch an seinem eigenen inneren Widerspruch gegen das Wesen aller historischen Religiosität. Denn wo dieser Wahn im vollen Ernst zu Theorien sich verdichtet hat, da fällt eine doktrinäre Starrheit und bleiche Kälte auf die Religion, ...

Der Theologe
Ernst Troeltsch (1865-1923)

Ich verstehe nicht, wie man zum Ausschließlichkeitsanspruch sich neutral verhalten kann. Das wäre möglich, wo man die Intoleranz als faktisch ungefährlich wie eine wunderliche Anomalie behandeln dürfte.

Der Philosoph
Karl Jaspers (1883-1969)

Diese Ausschließlichkeit des christlichen Weges aber ist nicht mehr wahr, ist nicht mehr zu halten, sie verkommt allmählich zur theologischen Provinz, die wir zu überwinden haben.

Der Theologe
Matthias Kroeger (*1935)

Die Vorstellung, das Christentum oder auch die biblischen Religionen hätten ein Monopol auf religiöse Wahrheit, ist ein empörender und absurder Chauvinismus.

Die amerik. Theologin
Rosmary Radford Ruether (*1936)

Wir werden lernen müssen, ohne die narzistisch-abgründige Attraktion von Erwählungsvorstellungen an Gott zu  glauben und uns an seiner unbedingten Liebe zu allen Geschöpfen genug sein zu lassen.

Der Theologe
Klaus-Peter Jörns (*1939)

 

 
 

Absolutheitsanspruch


These

Das Christentum muss sich, will es mehr Glaubwürdigkeit gewinnen, auch und zuallererst vom Absolutheitsanspruch verabschieden.

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Inhalt

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Vorbemerkungen

Hätte mich jemand vor noch nicht allzu langer Zeit nach meiner Haltung zum Absolutheitsanspruch der Religionen, speziell des Christentums, gefragt, hätte ich wohl einigermaßen verständnislos reagiert. Ich hätte diese Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts vielleicht für nicht mehr relevant gehalten.

Die von mir zunehmend wahrgenommenen aggressiven fundamentalistischen Strömungen, sowohl auf islamischer als auch auf christlicher Seite, aber auch völlig unkritische Äußerungen von christlich-theologischer Seite über den "exklusiven Absolutheitsanspruch" der Religionen bzw. deren "Anspruch auf absolute Wahrheit", haben mich eines Besseren belehrt.

Der entscheidende Motivationsschub, mich eingehender mit diesem Thema auseinander zu setzen, ergab sich durch die mir bekannt gewordene Auffassung eines zeitgenössischen protestantischen Theologen (s. unten).

Dieser Motivationsschub reichte sogar weiter: Er gab mir den entscheidenden Anstoß, mich auch mit anderen Teilaspekten meiner Religion intensiver zu beschäftigen. Ohne ihn gäbe es diese Website nicht.

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Absolutheit des Christentums – Modelle von Absolutheit

Der Theologe Ernst Troeltsch (1865-1923) soll mit seiner 1902 erschienenen Schrift Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte den Begriff des Absolutheitsanspruchs des Christentums erstmals in den theologischen Diskurs eingeführt haben.

Ich vermag dies nicht zu verifizieren. Sollte dies so zutreffen, wäre eine seit nahezu zwei Jahrtausenden für das organisierte Christentum geltende Handlungsmaxime erstaunlicherweise erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begrifflich gefasst worden!


Modelle von Absolutheit

Beim Theologen Matthias Kroeger (*1935) fand ich folgende "Modelle von Absolutheit" (für das Christentum):

a) Das Christentum ist die wahre Religion, alles andere ist Götzenverehrung.

b) Auf der Stufenleiter oder Pyramide der Religionen ist das Christentum die höchste Stufe und Spitze der Pyramide.

c) Auch Menschen anderer Religionen erfahren das Heil Gottes, doch bleibt Jesus Christus die endgültige, universale, unüberbietbare und normative Erfüllung des göttlichen Heils.


Aus einer einschlägigen Dogmatik

Dass ich hier nicht im "luftleeren Raum" diskutiere, sei anhand eines Zitats aus einem Handbuch / Lehrbuch(!) für Theologen aufgezeigt, aus der Dogmatik des Theologen Wilfried Härle (*1941):

"Ich gebrauche nun bewusst nicht mehr die irreführende Formel vom »Absolutheitsanspruch des Christentums«, sondern spreche von der Absolutheit, d. h. von der (universell gültigen) Wahrheit der Gottesoffenbarung in Jesus Christus, also des in ihm von Gott her erschlossenen umfassenden Wirklichkeitsverständnisses. Die Anerkennung und Behauptung dieser Absolutheit ist für den christlichen Glauben nicht nur angemessen, sondern unverzichtbar. Denn es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger, als um die Wahrheit und um die damit gegebene Tragfähigkeit der christlichen Botschaft. Diese bezeugt ja Jesus Christus als die Offenbarung des Wesens Gottes, die als solche das Fundament des – als wahr geglaubten – christlichen Wirklichkeitsverständnisses ist.

Deswegen, und nur deswegen gilt für den christlichen Glauben das »solus Christus«, weil in ihm die heilsame Wahrheit, die weder reduzierbar noch ergänzungsbedürftig ist, erschienen ist. Dagegen wird die christliche Botschaft mit den (relativierenden) Aussagen: »Jesus Christus ist eine heilsame Wahrheit« oder: »Er ist ein Weg zum Leben« hoffnungslos unterbestimmt. Und dies ist deshalb als unangemessen zurückgewiesen, weil damit eine Distanzierung von der erschlossenen Wahrheit zum Ausdruck kommt, die mit deren Absolutheitsanspruch unvereinbar ist."

Durch einen theologischen Kunstgriff wird aus dem Absolutheitsanspruch des Christentums der Absolutheitsanspruch bzw. die "Absolutheit" der "(universell gültigen) Wahrheit der Gottesoffenbarung in Jesus Christus"(!). Härle zeigt sich demnach als Anhänger des Absolutheitsmodells c).

Wenn man sich vor Augen hält, dass aus dem Menschen Jesus durch einen, im antik-hellenistischen Umfeld nicht ungewöhnlichen, Vergottungs-Prozess (s. Erich Fromm) zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert die "Kunstfigur" des göttlichen Christus wurde – ein Produkt menschlicher Fantasie also –, dann zeugt dieses Zitat m. E. von kaum zu überbietender Anmaßung und von einem erschreckenden Mangel an intellektueller Redlichkeit. W. Härle zeigt sich hier als typischer Insider des theologischen "Denk-Gettos" (s. hier).

Ernst Troeltsch (1865-1923) hätte vielleicht gesagt, der (Absolutheits-)"Wahn" habe sich hier zu einer abstrusen Theorie verdichtet (s. auch hier).

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Auffassung eines zeitgenössischen protestantischen Theologen

Der Newsletter meiner evangelischen Landeskirche, vom 12. Mai 2005, enthielt u. a. den Bericht über einen Vortrag ihres führenden Theologen zum Thema "Christentum und Islam". Unter den zusammenfassend wiedergegebenen Kernaussagen des Vortrags war mir diese ganz besonders aufgefallen: "Zu jeder Religion gehöre der exklusive Absolutheitsanspruch und dieser sei im Christentum wie im Islam und Judentum vorhanden". Da Pressemitteilungen oder Newsletters manchmal auch Missverstandenes verbreiten, wollte ich mir direkt beim Urheber Gewissheit verschaffen.

Meine schriftliche Anfrage:

"Vorausgesetzt, dass Sie korrekt zitiert worden sind, beschäftigt mich die Frage, ob Sie damit eine (bedauerliche) Zustandsbeschreibung gegeben haben, oder ob dies auch Ihre persönliche Auffassung widerspiegelt."

beantwortete er u. a. mit folgenden Feststellungen:

"Ich bin Gott sei Dank korrekt zitiert worden und ich beschreibe nicht einen Zustand, sondern vertrete meine persönliche, auch durch wissenschaftliche Bemühungen fundierte, Auffassung. []

Ein Christentum, das auf den Anspruch auf absolute Wahrheit verzichtet, fällt ebenso in sich zusammen, wie ein Islam oder ein Hinduismus oder ein Buddhismus oder irgendeine andere Religion."

M. E. bringt der Schreiber hiermit – unfreiwillig – zum Ausdruck, dass das Christentum über keinerlei überzeugende Argumente verfüge und daher auf die Krücke "Anspruch auf absolute Wahrheit" angewiesen sei, um nicht in sich zusammenzufallen. Ganz abgesehen davon, dass die Auffassung des Schreibers von sehr wenig Vertrauen in die Standfestigkeit der eigenen Religion zeugt, halte ich sie für völlig absurd. Erklären lässt sich diese Haltung wohl nur durch dogmatische Verblendung: Wer sich im Besitz der, von Gott persönlich geoffenbarten, absoluten Wahrheit wähnt, sucht nicht nach Argumenten. 

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Warum lehne ich den Absolutheitsanspruch des Christentums/der Religionen ab?

Für mich ist es für die folgenden Überlegungen unerheblich, welchem der o. g. Modelle die Verfechter des Absolutheitsanspruchs des Christentums folgen. Alle Modelle, und die auf ihnen basierenden dogmatischen Aussagen (s. Härle), sind geprägt von infantilen Überlegenheitsfantasien.


Absolutheitsanspruch entspringt menschlichem Machtstreben

Der Absolutheitsanspruch meiner und der anderer Religionen ist mir schon deshalb äußerst suspekt, weil er ganz offenkundig, in undatierbarer Vergangenheit, dem menschlichen Streben nach Macht und (Vor-)Herrschaft entsprungen ist. Dasselbe Grundmuster liegt totalitären gesellschaftlichen Ideologien zu Grunde.


Absolutheitsanspruch unhaltbar – historisch-kritisch betrachtet

Die historisch-kritische Forschung hat gezeigt, dass die religiösen und ethischen Vorstellungen, die in den Schriften des Neuen Testaments Jesus zugeschrieben werden, nichts bieten was spezifisch "christlich" wäre. Sie sind ausnahmslos anderen orientalisch-hellenistischen Religionen und den Lehren antiker griechischer Philosophen entlehnt (s. Karlheinz Deschner). Kurz: Die wesentlichen Bestandteile der von den Kirchen gelehrten Glaubensmeinungen entstammen dem ethischen, kultischen und mythischen Erbe der Menschheit.

Die christliche Religion stellt also lediglich ein denkbares Produkt der verschiedenen religiösen, ethischen und kulturellen Entwicklungslinien der Menschheit dar. Auf diesem Hintergrund lassen sich weder der Anspruch des Christentums auf "absolute Wahrheit" noch die Exklusivität seines Heilsweges zu Gott weiter aufrechterhalten.


Absolutheitsanspruch und Erwähltheitsfantasien – eine "unheilige Allianz"

Dem Absolutheitsanspruch eng verwandt erscheint mir die in den Religionen auftretende Vorstellung von der "Erwähltheit" ihrer Gläubigen. Hier sei stellvertretend für ähnliche Fundstellen, durch die schon im frühen Christentum eine verhängnisvolle Weichenstellung erfolgte, aus dem deuteropaulinischen Epheser-Brief zitiert (Eph 1,4): "Denn in ihm (Anm.: in Christus) hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, " M. E. ist jede der beiden Vorstellungen geeignet, die jeweilige Religion auf die Stufe von Ideologie und Sektierertum herabzuwürdigen.


Anspruch auf absolute Wahrheit – Ergebnis einer Fehlspekulation

Ein Absolutheitsanspruch ließe sich von einer Religion m. E. nur dann erheben, wenn sie in der Lage wäre, plausibel darzustellen, im Besitz der letzten, der reinen, der absoluten, der "göttlichen" Wahrheit zu sein. Eine absolute Wahrheit dieser Art würde jedoch voraussetzen, dass wir das, was wir «Gott» nennen, erkennen, in all seinen Dimensionen fassen und zweifelsfrei beschreiben könnten! Dass dies niemand vermag, kommt sehr gut in einem Wort Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) zum Ausdruck: "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht."

Anmerkung
Dass ich das aus Akt und Sein stammende Bonhoeffer-Zitat hier wahrscheinlich nicht ganz im Sinne des Urhebers gebrauchte, darauf stieß ich erst sehr viel später (s. hier). Ich lasse es dennoch stehen.


Dass die vom organisierten Christentum über Jahrhunderte mit allen Mitteln seiner weltlichen (Über-)Macht verteidigten "absoluten" Wahrheiten – z. B. über die Konstruktion dieser Welt – keinen dauerhaften Bestand haben konnten, wissen wir spätestens seit der »Kopernikanischen Wende«. Die Aufklärung förderte und vertiefte dieses Wissen. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) sagte: "Vom Übersinnlichen ist, was das spekulative Vermögen der Vernunft betrifft, keine Erkenntnis möglich."


Folge des Absolutheitsanspruchs: eine breite Blutspur durch die Geschichte

Seit dem 4. Jahrhundert bis in die jüngere Vergangenheit zogen viele der "vornehmsten" Repräsentanten des Christentums in seinem Namen eine breite Blutspur durch die Geschichte. Sie zeugt von der verhängnisvollen Wirkung des Absolutheitsanspruchs. Man denke nur an die unzähligen Opfer der Ketzerverfolgungen, der Kreuzzüge, der Inquisition, der Hexenverbrennungen, der Christianisierung Mittel- und Südamerikas. Eindrücklicher lässt sich die völlige Abwegigkeit dieses absurden Anspruchs nicht dokumentieren.


(s. auch Nachtrag zum Absolutheitsanspruch)

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Anderen Religionen einen analogen Anspruch zugestehen?

Herausforderung an Logik und Sprachverständnis
Schon Logik und Sprachverständnis lassen es für mich problematisch erscheinen, "exklusive" Absolutheit, die, unbefangen betrachtet, etwas Unteilbares, nicht mehr Steigerungsfähiges bezeichnet, mehreren Positionen gleichermaßen zuzubilligen.


Zugeständnis des Absolutheitsanspruchs produziert Scheintoleranz

Den anderen Religionen einen Absolutheitsanspruch zuzugestehen, den ich für meine Religion als selbstverständlich definiert habe, erscheint mir als sehr bequeme Haltung: Sie erleichtert mir, eine selbstkritische Überprüfung meines Anspruchs zu vermeiden, und sie unterbindet gleichzeitig eine mögliche kritische Analyse dieses Anspruchs durch die anderen. Eine gemeinsame konstruktive Reflexion findet nicht statt.

Anders ausgedrückt: christliche Theologen billigen anderen Religionen sehr großzügig das zu, wovon sie sich auf gar keinen Fall verabschieden wollen. Die, unabhängig vom favorisierten "Modell der Absolutheit" (s. o.), vorhandenen Überlegenheitsfantasien werden nicht hinterfragt. Eine geeignete Basis für einen ernsthaften Dialog mit anderen Religionen wird so nicht hergestellt. Es wird allenfalls eine Scheintoleranz erzeugt, die in Wirklichkeit der, auch unter Christen weit verbreiteten, Intoleranz nicht nur nicht entgegenwirkt, sondern sie eher fördert.


Selbstrelativierung ist Vorbedingung jeder wirklichen Toleranz

Ausgehend von den bisher angestellten Überlegungen ist es längst überfällig, dass das organisierte Christentum, die christlichen Kirchen, Rechenschaft darüber ablegen, was auf ihrem bisherigen Weg schief gegangen ist, was daraus gelernt werden muss. Mein Eindruck ist, dass dies unterblieben ist und noch unterbleibt aus Angst vor unbequemen Wahrheiten. Diese Weigerung, elementaren Forderungen intellektueller Redlichkeit zu entsprechen, bereitet den Boden für eine Verfestigung von Intoleranz.

Denn m. E. trifft zu was der Ägyptologe Jan Assmann (*1938) in seinem Buch Die Mosaische Unterscheidung – Oder der Preis des Monotheismus u. a. feststellt:

"Die Fähigkeit zur Selbsthistorisierung und Selbstrelativierung ist Vorbedingung jeder wirklichen Toleranz."

Wo diese Fähigkeit vorhanden ist, ist kein Platz für Absolutheitsansprüche und Erwähltheitsfantasien – dies gilt für alle Religionen.

(s. auch Noch ein Nachtrag zum Absolutheitsanspruch)

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Stimmen aus Theologie und Philosophie

Ich fand bei meinen Recherchen in der einschlägigen Literatur Hinweise, die mich in meiner Einschätzung des Absolutheitsanspruchs bestärkten.


Der Theologe Ernst Troeltsch
(1865-1923)
reflektiert die Absolutheit des Christentums eingehend in seinem Buch Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte. Er führt aus, dass die Absolutheit ein allgemeines Merkmal des naiven Denkens sei und erst mit ihrer Brechung werde das eigentliche Denken eröffnet. Im Verlaufe der Geschichte sei aus der naiven Absolutheit eine künstliche, apologetische geworden, die in eine theologische Theorie mündete. Er führt weiter aus:

"Denn wo dieser Wahn im vollen Ernst zu Theorien sich verdichtet hat, da fällt eine doktrinäre Starrheit und bleiche Kälte auf die Religion, vor der das ahnungsvolle Halbdunkel entweicht, in dem sich allein die belebenden Kräfte der Religion mitteilen, in dem erst der Mensch seiner Kleinheit und Enge gewahr wird, und in dem er durch Ahnung und Glauben erst seine wahre Größe fühlt. Oder es ergibt sich ein harter Fanatismus, der Milde und Weite vergisst und alle zu dem zwingen will, was man so sicher weiß und besitzt. Eben daher hat auch die lebendig aus Gott sprechende Frömmigkeit niemals solche Theorien vorgetragen; sie hat die einfache Entscheidung für oder wider verlangt und die absolute Wahrheit der Zukunft, dem Ende der Geschichte, vorbehalten."

An anderer Stelle fasst er zusammen: 

"Entscheidend ist darum nicht mehr der Absolutheitsanspruch, sondern die in Art und Stärke des Anspruchs widergespiegelte Sache, die religiös-ethische Ideen- und Lebenswelt selbst. Nicht aus den Erörterungen über Art und Stärke des Offenbarungs-, Erlösungs- und Gültigkeitsanspruches, sondern aus dem Urteil über die von ihm vertretene Sache lässt sich dann die Gültigkeit des Christentums erweisen."


Der Altphilologe und Philosoph Wilhelm Nestle
(1865-1959)
beleuchtet in seinem 1947 erschienenen Werk Die Krisis des Christentums die »Absolutheit« des Christentums von verschiedenen Seiten. Aus einem Vorbericht zum "Kongress der protestantischen Missionen in Jerusalem im Jahr 1928" folgert er:

"Damit ist der Grundsatz, von dem die Mission ursprünglich ausging, dass das Christentum allein die wahre, alle übrigen aber falsche Religionen seien, tatsächlich aufgegeben und, während unsere Theologen sich immer noch krampfhaft bemühen, die »Absolutheit« des Christentums theoretisch zu erweisen, ist diese Auffassung ebenso durch die Ergebnisse der religionswissenschaftlichen Forschung wie durch die praktische Erfahrung der Weltmission widerlegt. Wenn daher G. A. Gedat am Schlusse seines Buches »Ein Christ erlebt die Probleme der Welt« eingesteht, wenn er das Christentum für eine Religion wie andere Religionen hielte, so könnte er ihm keine günstige Prognose für seine Zukunft stellen, aber meint, es sei überhaupt keine Religion, sondern »die Offenbarung Gottes«, so ist das nichts weiter als eine Verzweiflungsauskunft. Das Christentum wird sich eben bescheiden müssen, seinen Platz nicht über, sondern neben den anderen sog. Hochreligionen der Welt einzunehmen unter Anerkennung der Grenzen, die seiner Ausbreitung durch die geistige Eigenart der verschiedenen Rassen gezogen sind. […] Denn es gibt eben überhaupt keine absolute Religion, so wenig es eine absolute Sprache oder eine absolute Kunst gibt. Dagegen haben alle Völker, wie die Anlage zur Sprache und den Trieb zur Gestaltung von künstlerischen Gebilden, so auch den Drang, religiöse Vorstellungen zu bilden, die aber, auch auf ihren höchsten Stufen, immer nur unzulängliche, durch die völkische Eigenart bedingte Versuche bleiben werden, das Göttliche menschlicher Anschauung zugänglich zu machen, und daher immer nur symbolische Bedeutung haben können."

An anderer Stelle beschäftigt Nestle sich mit der Tatsache, dass das Christentum viele seiner religiösen "Anschauungen" aus anderen (Mysterien-)Kulten der Spätantike übernommen hat. Für ihn wird der fragwürdige Anspruch des Christentums auf Exklusivität bzw. »Absolutheit« dadurch ebenfalls "erschüttert":

"Durch die Übernahme so zahlreicher Anschauungen aus der religiösen Welt der Antike wird der  A n s p r u c h  d e s  C h r i s t e n t u m s,  d i e  a b s o l u t e  R e l i g i o n  z u  s e i n,  gewaltig erschüttert. Denn an die Stelle einer übernatürlichen Offenbarung sehen wir eine natürliche geschichtliche Entwicklung treten. Und auch, wenn man diesen Offenbarungscharakter, den auch der Protestantismus der gesamten Bibel als »Heiliger Schrift« oder »Wort Gottes« zuschreibt, auf das Evangelium Jesu beschränken wollte, wie dies versucht worden ist, so hat die historisch-kritische und religionswissenschaftliche Forschung auch dies als unmöglich erwiesen."

Anmerkung
Der o. g. Gustav Adolf Gedat (1903-1971) war offenbar ein Evangelikaler, der im Dritten Reich eine antisemitische Position vertrat und später, als Mitglied der CDU-Fraktion, viele Jahre dem Deutschen Bundestag angehörte.


Der Philosoph Karl Jaspers
(1883-1969)
schreibt in seinem Buch Der philosophische Glaube:

"Ich verstehe nicht, wie man zum Ausschließlichkeitsanspruch sich neutral verhalten kann. Das wäre möglich, wo man die Intoleranz als faktisch ungefährlich wie eine wunderliche Anomalie behandeln dürfte. So ist es aber mit dem biblisch fundierten Ausschließlichkeitsanspruch ganz und gar nicht. Er erstrebt aus der Natur seines Wesens den Anspruch durch immer wieder mächtige Institutionen und steht ständig auf dem Sprunge, von neuem die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen. Das liegt in der Natur der Sache des Ausschließlichkeitsanspruchs in allen Gestalten der biblischen Religion, mögen auch noch so viele Gläubige für ihre Person nicht die geringste Neigung zur Gewalt, oder gar zur Vernichtung der in ihrem Sinn Ungläubigen haben."


Der Theologe Paul Tillich
(1886-1965)
ist der Auffassung, "dass nach dem Ende der Absolutheit noch immer die 'Unbedingtheit' – das ist die Absolutheit unter den Bedingungen der Relativität und Geschichtlichkeit – möglich und gegeben sei." Anders ausgedrückt: "Die Unbedingtheit ist die Absolutheit 'für mich'."

Anmerkung
Die Worte Tillichs fand ich bei Matthias Kröger (s. u.).


Der britische Autor und ehemalige kath. Priester Peter de Rosa
(*1932)
äußert sich in seinem Buch Der Jesus-Mythos so:

"Ausschließlichkeitsansprüche und Triumphalismus müssen in allen Religionen der Ehrfurcht vor Gott, dem Unbekannten weichen, für die die jeweils eigene Religion ein ehrwürdiger, mythologischer Ausdruck ist. […] Die Behauptung, meine Religion sei die beste, kann nur bedeuten, dass meine Religion die beste für mich ist. Ich liebe meine Religion, wie ich meine Frau und meine Kinder liebe: mehr als alle anderen. In meiner Frau liebe ich alle Frauen; in meinen Kindern liebe ich alle Kinder. Meine Frau muss nicht perfekt sein, um für mich die beste der Welt zu sein."


Der Theologe Matthias Kroeger
(*1935)
setzt sich in seinem Buch Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche u. a. auch mit dem Absolutheitsanspruch ktitisch auseinander. Er schreibt von fälligen Veränderungen, "die sich – mit guten theologischen Gründen und paradigmatischer Kraft – aufdrängen." Dazu gehört für ihn die "Kritik der altchristlichen und bis heute meist festgehaltenen Behauptung, dass Jesus »allein« der Weg zu Gott sei (»solus Christus«), worin letztlich die Annahme der Absolutheit des Christentums gründet."

Er ergänzt dies an anderer Stelle:

"Diese Ausschließlichkeit des christlichen Weges aber ist nicht mehr wahr, ist nicht mehr zu halten, sie verkommt allmählich zur theologischen Provinz, die wir zu überwinden haben."


Die amerikanische Theologin Rosmary Radford Ruether
(*1936)
sagt:

"Die Vorstellung, das Christentum oder auch die biblischen Religionen hätten ein Monopol auf religiöse Wahrheit, ist ein empörender und absurder Chauvinismus. Es ist erstaunlich, dass selbst christliche Liberale und Radikale es versäumen, diese Annahme zu hinterfragen. Meine eigene Annahme ist, dass das göttliche Wesen, das die Welt hervorbringt, aufrechterhält und erneuert, wahrhaft allumfassend ist, Vater und Mutter aller Völker ohne Diskriminierung. Dies bedeutet, dass wahre Offenbarung und wahre Beziehung zum Göttlichen in allen Religionen zu finden ist."

Anmerkung
Das Ruether-Zitat fand ich bei Peter de Rosa (s. o.).


Der Theologe Klaus-Peter Jörns
(*1939)
empfiehlt den Christen/den Kirchen in seinem Buch Notwendige Abschiede, sich von einer Vielzahl tradierter (dogmatischer) Fehlhaltungen zu verabschieden. Er hält diese Abschiede auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum für unabdingbar. Er schreibt u. a.:

"Für alle Zeit fertige Wahrheiten bietet keine Religion. Dies hat sehr früh der Vorsokratiker Xenophanes von Kolophon (570 - 474 v. Chr.) formuliert: »Die Götter haben Sterblichen durchaus nicht von Anfang an alles enthüllt, sondern erst nach und nach finden diese suchend das Bessere«. [...]

Wir werden lernen müssen, ohne die narzistisch-abgründige Attraktion von Erwählungsvorstellungen an Gott glauben und uns an seiner unbedingten Liebe zu allen Geschöpfen genug sein zu lassen. Durch sie kommen nicht nur wir, sondern auch die anderen, selbst die Fremden und die anderen Religionen, zu ihrem Recht. Das schließt ein, dass wir ihnen das Recht darauf lassen, Wahrheit zu kennen, die ihnen hilft, zu leben und zu sterben. Eine größere gibt es sowieso nicht und – eine, die die Wahrheit wäre und also darüber, auch nicht. Wir werden lernen, uns unsere authentischen Wahrheiten zu erzählen."

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Schlussbemerkungen

Ein selbstbewusstes Christentum, das seine Gültigkeit »aus dem Urteil über die von ihm vertretene Sache« (Troeltsch) bezieht, wird keineswegs "in sich zusammenfallen", wenn es seinen "Anspruch auf absolute Wahrheit" aufgibt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass gegenseitiger Respekt zwischen den Religionen und die daraus erwachsende kritische Toleranz Absolutheitsansprüche und Erwähltheitsfantasien gänzlich ausschließen.

Ich wünsche mir, dass sich zumindest das protestantisch geprägte Christentum von diesen absurden Vorstellungen befreit und sich als Mitglied einer Familie einzigartiger Religionen versteht, einzigartig für die jeweiligen Gläubigen.

Ich stelle mir vor, dass das Christentum, durch einen glaubwürdigen einseitigen Verzicht auf den Absolutheitsanspruch, langfristig eine beispielgebende Wirkung auf andere Religionen hätte. Die Glaubwürdigkeit dieses Verzichts ließe sich durch Mahnmale für die Opfer dieser verhängnisvollen Fehlhaltung – in allen Kirchen – untermauern.

(s. auch Warum dieser Internetauftritt?)

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